Diagnose akuter Hausarztmangel

Veröffentlicht am 05.05.2010 in Gesundheit
SPD-Ortsverein sucht mit Ministerunterstützung nach Rezepten gegen übervolle Praxen

Von Kathrin Schulz Greiz. Rein statistisch gesehen ist das Problem eigentlich gar keins: Die ärztliche Versorgungsquote in der Region liegt bei 100 Prozent. Die Wahrheit dahinter aber ist: „Viel weniger können wir wirklich nicht vertragen“, wie Burghardt Stephan, Facharzt in eigener Niederlassung, weiß. Angesichts zunehmender Überalterung der Patienten wie auch der Ärzte sowie stets wachsender medizinischer Möglichkeiten sei die Ermittlung des Versorgungsgrades dringend zu hinterfragen, stellt der Diplommediziner in der Diskussionsrunde am Montagabend im Weißen Saal fest.

Der Ortsverein Greiz der SPD, der das Thema Hausärztemangel auf die Tagesordnung gesetzt hatte, suchte mit kompetenter Unterstützung durch Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) und einem Ärzteteam aus Greiz nach Rezepten gegen den Mangel an Haus- und Landärzten in der Region. „Trotz wesentlich besserem Arzt-Patienten-Verhältnis − durchschnittlich kommen auf einen Arzt 290 Patienten, 1985 waren es noch 391 Patienten pro Mediziner −sind die Praxen hier übervoll, weil die Ärzteschaft unterschiedlich verteilt ist, andere Regionen und Wirtschaftsbereiche attraktiver sind“, stellt die Thüringer Gesundheitsministerin fest. Auch Reinhard Sell, bis 2007 selbst Allgemeinmediziner, bestätigt, dass es nicht so einfach ist, in der Region einen neuen Hausarzt zu finden. Sell moderierte den Abend im Weißen Saal.

Erste Therapiemaßnahmen gegen den Hausarztmangel nennt Taubert: Der Gesundheitsfonds, davon ist sie überzeugt, bringe gewisse Stabilität im ambulanten Bereich, zumal seitens der Kassenärztlichen Vereinigung viel nachgebessert worden sei. Der seit gut anderthalb Jahren existierende Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Uni Jena sei wichtig für den Hausarztnachwuchs, schaffe zudem ein Netzwerk, das niedergelassene Ärzte mit Auszubildenden in Kontakt bringe. Nicht zu vergessen ist darüber hinaus, dass der Hausarzt auch Betriebswirt sein müsse. Die neue Stiftung in Thüringen wolle Stipendien für Hausarzt-Weiterbildungen an den Einsatzort in unterversorgten Gebieten binden. Die Stiftung könne zudem bei der Gründung der Praxis helfen, meint Taubert. Sie hält es für wichtig, dass die Krankenhäuser sich für ambulante Leistungen öffnen. Hier hakt Dr. Klaus Berg, Ärztlicher Direktor Kreiskrankenhauses des Greiz, nach: Er erachte es vor allem als notwendig, die Krankenhausnotaufnahme für die ambulante Versorgung zu öffnen und seitens der Politik die Gründung Medizinischer Versorgungszentren keinesfalls einzuschränken.

Auf Reinhard Sells Frage zur Resonanz auf die ausgeschriebenen Hausärzteausbildung, die auch an der Greizer Klinik angeboten werden soll, antwortet er klar: „Die Nachfrage ist gleich Null. Sobald ein Bewerber da ist, wird er auch ausgebildet.“ Der Ärztliche Direktor nutzt die Gelegenheit aber auch, um eine Lanze für das deutsche Gesundheitswesen zu brechen. „Es ist eines der weltbesten“, unterstreicht Berg, nicht ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass die Krankheitshäufigkeit der älteren Bevölkerung ansteigt. Im vergangenen Jahr sind in der Klinik 12 000 ambulante Patienten behandelt worden, vor zehn Jahren waren es noch weniger als die Hälfte. Berg zitiert eine Umfrage unter Absolventen. Demnach würden 20 Prozent der jungen Mediziner im ländlichen Raum arbeiten, während sich 65 Prozent gut vorstellen könnten, ins Ausland zu gehen, nicht zuletzt, weil dort die Bezahlung gut 30 Prozent höher ausfällt. „3000 deutsche Ärzte gehen jährlich ins Ausland. Im Krankenhaus können wir diese Lücken noch aus dem osteuropäischenRaumdecken, was im ambulanten Bereich schlecht möglich ist“, räumt der Mediziner ein.

„Über die Hälfte der Ärzte in Greiz sind über 50, sie brechen uns in zehn Jahren weg aus der Versorgung“, erinnert Facharzt Burghardt Stephan. Er ist überzeugt, dass die regionalen Bedingungen hier besser verkauft werden könnten; es sich allerdings trotz Einkommensverbesserungen lohnen müsse, als Landarzt zu arbeiten. „Am Ende“, da pflichtet ihm Ministe- rin Taubert bei, „werden wir das übers Geld regeln müssen.“ Die Hausarztversorgung sei ein Thema, das alle angeht, hatte SPD-Ortsvereins-Chef Wolfgang Seifert eingangs betont. Deshalb habe man sich mit der CDU, die das Thema zwei Wochen vorher diskutiert hatte, auf eine nächste gemeinsame Debatte geeinigt.

Quelle: OTZ vom 05.05.2010 Foto: Michael Hendel
 
 

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